09.09.2017 Kritischer Besuch bei Scientology Wiesbaden

Hintergrund: Zwei Teilnehmerinnen hatten an einem Info-Stand Kontakt zu einer zunächst inkognito auftretenden Gruppe von Scientologen. Dabei machten die beiden sehr intensive und im Nachhinein verunsichernde Erfahrungen. Daraus entstand das Bedürfnis, in meiner Begleitung und evtl. im Schutz einer größeren Gruppe den angepriesenen Vortrag „Glücklichsein und wahre Lebensfreude!“ zu besuchen, um einen kritischen Blick darauf zu werfen.

Tagesplanung

Wir treffen uns am 09.09. um 13 Uhr bei der „Denkermulde“ im Park Monrepos. Dort werden wir uns ein wenig auf den Vortrag einstimmen, Erwartungen formulieren und Verhaltensregeln etc. besprechen.

Abfahrt ist um 14 Uhr. Der Vortrag findet von 15 – 16 Uhr im „Dianetik Zentrum“ in der Mauritiusstraße 14, Wiesbaden statt. Danach fahren wir wieder nach Hause. Die Rekapitulation wird dann voraussichtlich in der folgenden Woche stattfinden.

Nun waren wir also da!

WICHTIG VORAB:

Ich selbst habe nicht das Buch „Dianetik“ von Hubbart gelesen. Ich habe ein gewisses, sehr kritisches Bild von Scientology, welches sich bisher durch Dokumentarfilme und „dem, was man so hört“ zusammenfügt.

Ich weise darauf hin, dass Scientology vom Verfassungsschutz beobachtet wird und verweise ausdrücklich auf die entsprechenden Publikationen der Landesbehörden.

Ich habe entschieden, vor dem Hintergrund meines aktuellen „Wissensstandes“ einen Besuch zu wagen, um mir vor Ort ein Bild zu machen. Im Vorfeld löste allein dieses Vorhaben enorme Kontroversen aus. Die einen lehnten kategorisch jeglichen Kontakt ab und hielten mein Vorhaben für unverantwortlich. Sie befürchteten, dass man unbemerkt und geradezu ohnmächtig „verführt“ werden oder sich in gewisse Strukturen verstricken lassen könnte. Andere begrüßen unser Vorhaben, weil sie es für den bestmöglichen Schutz halten.

Ich selbst traue mir zu, einen Besuch zu wagen, weil ich grundsätzlich ein Freund direkter Erfahrung bin. Zur Sicherheit durften mich nur volljährige Schüler_Innen und Minderjährige mit Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten begleiten.

Die Frage stand also im Raum: Können wir es wagen, uns vor Ort ein direktes Bild einer Einführungsveranstaltung zu machen, oder müssen wir befürchten, sogleich die Kontrolle zu verlieren?

Wir alle beobachteten unterschiedliche Ängste in uns: „Wie wird man uns empfangen? Erwecken wir nicht irgendwie „Verdacht“? Wird man uns überhaupt reinlassen?“ Etc.

In dem Folgenden schildere ich ausschließlich meine persönlichen Erfahrungen bezüglich dieser Einführungsveranstaltung im Hinblick auf unsere vorherigen Erwartungen.

Ich verweise nochmals auf die Publikationen der Landesbehörden zum Thema Scientology, wo detailliert offensichtlich manipulative Techniken sowie angeblich demokratiefeindliche und menschenverachtende Methoden der inneren Strukturen dargelegt werden. In diese inneren Strukturen erhielten wir KEINERLEI Einblicke.

Für mich persönlich war es eine sehr interessante Erfahrung.

Bezüglich der Einführungsveranstaltung hat sich wieder einmal gezeigt, wie sehr wir durch medial vermittelte Angstbilder geprägt werden. Die im Vorfeld von verschiedensten Seiten geäußerten – zum Teil extrem starken – Bedenken bezüglich unseres Besuchs sind zu respektieren, jedoch wurden sie nicht ansatzweise bestätigt.

Der Besuch erwies sich in unserer Konstellation (Anwesend waren neben den Schüler_Innen zwei kritisch fragende Philosophielehrer sowie ein Vater) als vollkommen harmlos. Wir wurden sehr freundlich empfangen, das Dianetik-Zentrum zeigte sich offen und freundlich auch gegenüber ausgewiesenen Kritikern. (Schon davor hatten wir im Vorfeld gewisse Ängste: Wie wird man mit uns umgehen, wenn man herausfindet, dass wir nur „zum Studienzwecken“ anwesend sind?)

Mit dem Vortrag konnte ich persönlich nichts anfangen. Ich kann hier bestätigen, dass gewisse Begriffe wie etwa „Vernunft“ und „Geist“ gemäß des Berliner Berichts „Scientology – eine kritische Bestandsaufnahme“ im Sinne von Scientology umgedeutet wurden. Die genaue Bedeutung erschloss sich mir allerdings nicht.

Grundsätzlich wurde behauptet, über eine extrem wirkungsvolle Methode zu verfügen, mit deren Hilfe man verborgenen psychischen Ballast, der unser aktuelles Leben negativ beeinflusst, kontrollieren bzw. abbauen könne. Ich kann mir vorstellen, dass die vermittelte Effizienz der Methoden, auf so manchen anziehend wirkt. Bestätigt wurde diese Einschätzung durch eine anwesende Scientologin, die kurz ihre vergangene Psychotherapie erwähnt hat. Die Techniken von Scientology hätten bei ihr in zwei Wochen mehr bewirkt als ihre Psychotherapie. Dies bestätigt meinen Eindruck, dass besonders Menschen in Lebenskrisen empfänglich für die Heilsversprechen von Scientology sind; es mag auch durchaus Menschen geben, welche sich dort in der Tat gut aufgehoben fühlen.

Jedoch merke ich ausdrücklich an, dass ich über keinerlei Erfahrung bezüglich der internen Strukturen verfüge; bereits bei der Einführungsveranstaltung fiel mir allerdings auf, dass Teilnahmezertifikate und interne Hierarchien eine wichtige Rolle zu spielen scheinen. Der „Berliner Bericht“ spricht hier von der Unvereinbarkeit mit demokratischen Grundwerten.

Bereits in meinem Stadium wird auch deutlich, dass bewusst Marketing-Techniken eingesetzt werden, um neue Mitglieder zu gewinnen. Wer an einer kostenlosen Probesitzung an einem öffentlichen Stand teilgenommen hat, erhält einen „Gutschein“ für den Vortrag, den wir als Gruppe besucht hatten, welcher im Zentrum ohnehin als für alle offen beworben wird. Neulinge fühlen sich durch einen solchen Gutschein selbstverständlich privilegiert, was die Anziehungskraft der Vereinigung sicher erheblich steigert. Zudem ist natürlich auffällig, dass in der Öffentlichkeitsarbeit in der Regel der Begriff „Scientology“ vermieden wird.

Zudem fällt eine gestaffelte Preisstruktur auf, wodurch Interessierte zunächst auf sehr niedriger Stufe abgeholt werden. Die Einführungsveranstaltung war kostenlos. Ein aufbauender Vortrag, der offenbar etwas mehr in die Tiefe gehen soll, kostet drei Euro pro Teilnehmer_In. In der Marketingwelt ist ein solcher symbolischer Niedrigpreis eine verbreitete Technik. Man setzt die erste Zahlung bei einer sehr niedrigen Schwelle an, um Interessierte in zahlungsbereite Kunden zu transformieren – ein sehr wichtiger psychologischer Schritt. Wer einmal bereit war, das Portemonnaie zu zücken, wird dies auch erneut tun – und einen deutlich höheren Betrag zahlen.

An dieser Stelle erlaube ich mir eine etwas grundsätzlichere Kritik: Die oben beschriebene Marketingstruktur umgibt uns alltäglich überall, wo etwas verkauft wird.

Der Fairness halber sei erwähnt, dass auch die großen Kirchen und deren abgespaltenen Organe mit bestimmten raffinierten Techniken arbeiten, um neue Mitglieder zu gewinnen, z. B. das Bereitstellen wichtiger gesellschaftlich relevanter Institutionen wie Krankenhäuser, Schulen und Kindergärten. Durch Freizeitangebote, für die sogar an Schulen geworben wird, werden über den Spaß- und Geselligkeitsfaktor neue Mitglieder geworben. Der Beitrag wird dann automatisch über die monatlich zu entrichtende Kirchensteuer eingezogen. Allerdings sind die internen Kontrollstrukturen sicher nicht mit Scientology zu vergleichen!

Auffällig war zudem die einhellige Übereinstimmung innerhalb der anwesenden Mitglieder, was sich während des Vortrags in permanten bestätigenden Äußerungen zeigte. Ein wichtiges Kriterium ist auch die mangelnde Bereitschaft, sich mit kritischen Gedanken und kritischer Literatur außerhalb der eigenen Perspektive auseinanderzusetzen. Den auf Netflix verfügbaren Dokumentarfilm „Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief“ kannte man beispielsweise nicht.

Auf meine Frage, wie sich die Scientology-Kirche eine staatliche Gesellschaftsordnung vorstellen würde, erhielt ich eine für mich völlig unverständliche Antwort. Ein weiterer Erklärungsversuch eines anwesenden Scientologen vermittelte mir eher den Eindruck, als ob es ihnen selbst nicht ganz klar sei. Auch hier verweise ich für weitere Informationen auf den Berliner Bericht „Scientology – eine kritische Bestandsaufnahme„.

Ebenso auffallend sind für „solcherart Organisationen“ typische Rechtfertigungsmechanismen gegenüber kritischen Darstellungen in den Medien: Auf die Frage, wie man sich die negative Darstellung in der Öffentlichkeit erkläre, antwortete man, dass gewisse Kräfte in der Gesellschaft kein Interesse an einer harmonischen und friedvollen Gesellschaft hätten und sie deswegen bekämpfen würden. Denn genau dies sei das Ziel der Scientology-Kirche.

FAZIT:

„Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Dieser Satz  aus Kants Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ kann gar nicht ernst genug genommen werden. Ich mache mich auch weiterhin für den direkten Kontakt mit vorurteilsbehafteten Gruppen stark. Trotz der von mir derzeit nicht infrage zu stellenden und völlig berechtigten Warnungen des Verfassungsschutzes, gab es doch auch in mir irrationale Vorurteile, die ich im Nachhinein nicht bestätigen kann (siehe oben „WICHTIG VORAB“). Es mag manche geben, die sich in eben solchen als totalitär beschriebenen Strukturen durchaus wohlfühlen. Niemand von uns hat eine Kontaktmöglichkeit hinterlassen. Ich selbst habe mich nach dem Vortrag mit den Menschen vor Ort unterhalten und habe NICHT das Gefühl, in irgendwelche Gespinste verwickelt worden zu sein.

Gleichwohl hat man uns „Informationsmaterial“ mitgegeben. Ich selbst erhielt zwei DVDs und einige Broschüren, zum Beispiel „Die Technologie des Studierens“, welche auch im Berliner Bericht als sehr bedenklich eingestuft wird. Ich selbst kann zu den Materialien noch keine Aussage treffen. Allein die Tatsache, dass ich mit einen Stapel an Materialien das Zentrum verlassen habe, kann man wohl als „Erfolg“ der Scientologen bezeichnen. 🙂

Grundsätzlich verweise ich an dieser Stelle noch einmal auf die Materialien auf der Seite des Verfassungsschutzes.

Ich selbst konnte nicht überprüfen, inwiefern diese Berichte der Wirklichkeit der Scientology-Kirche entsprechen, da ich keinerlei Einblicke in die tieferen Strukturen habe.

Eine Dame vor Ort behauptete, dass so manches kritisches Buch in Umlauf sei, das nachweislich als Lüge über Scientology enttarnt wurde. Unter anderem habe es die katholische Kirche im Zuge einer negativen Propaganda mitfinanziert. Der Name der Autorin ist mir allerdings entfallen.

Das „Angebot“ von Scientology wirkt auf mich grundsätzlich nicht plausibel und fügt sich in eine Reihe anderer hermetischer Systeme ein, welche auf plumpe Weise ewiges Glück versprechen.

Wer sich in einer Lebenskrise befindet, braucht auf jeden Fall Unterstützung – therapeutisch und von anderen Menschen. Auf dem Weg der Sinnsuche sollte darauf geachtet werden, dass die Menschenwürde und die gedankliche Freiheit gewahrt bleiben. „Gedankenfreiheit“   – ein Begriff, der sich sicher nicht in einer hermetisch abgeschirmten Umgebung unter Vermeidung kritischer Auseinandersetzung von außen finden lässt.

 

Kommentare

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Download

ALLE, die teilnehmen wollen, müssen diese Einverständniserklärung unterschreiben.

Einverständniserklärung für unseren Besuch bei Scientology.

Verfassungsschutz

UNBEDINGT ANSEHEN: Die Publikationen der Landesbehörden

Filmempfehlung

Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief

Weiterführende Links

Legal Tribune Online: Verfassungsschutz will Beobachtung beenden
Verwaltung.modern: „Glaube und Ethik der Scientology“ – ein neues Forschungsprojekt der Hochschule Ludwigsburg
Hart aber fair: Sekten: Gurus und Gehirnwäsche

Stellungnahmen der Scientology-Kirche

Scientology Fakten

Dianetik-Zentrum Wiesbaden

Hier geht´s zur Website von Scientology-Wiesbaden, wo wir waren.

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